Ezechiel, der Späher


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Ein Späher sieht die Gefahr schon von Weitem kommen. Er sieht in die Ferne und zugleich bewacht er diejenigen, die in seiner Obhut sind.Wenn in der Zeit des Alten Testaments der Späher auf der Stadtmauer sich einfach abwandte und sich aus der Verantwortung stahl, überließ er diejenigen, die er beschützen sollte, der Gefahr eines tödlichen Angriffes. Gott selbst stellt für sein Volk, wenn es sündigt, eine solche tödliche Gefahr dar, vor der gewarnt werden muss. Dazu bestellt Gott den Propheten Ezechiel als Wächter, Späher und Warner. Die Hauptaufgabe des Propheten ist es, das Wort Gottes zu verkünden. Dazu gehört es auch, das Todesurteil gegen den einzelnen Schuldigen zu überbringen. Der Richterspruch Gottes ist jedoch nicht endgültig. Der Verurteilte kann zwar keinen Widerspruch einlegen, aber es gibt dennoch Rettung für ihn. Ezechiel kann ihn zur Buße, Reue und Umkehr aufrufen – und der Verurteile kann dieser Aufforderung nachkommen und sich von seiner Schuld befreien.


Nicht nur für den Schuldigen, sondern auch für Ezechiel geht es dabei um Leben und Tod. Wenn der Prophet seinem Auftrag nicht nachkommt, wenn er nicht vor der Gefahr des Gottesurteils warnt, dann ist er mitschuld an der Vollstreckung des Todesspruches. Gott wird das Blut des Schuldigen aus der Hand des Propheten fordern. Der Prophet verfällt in diesem Falle selbst dem Todesurteil. In der Form eines klar formulierten Gesetzes nimmt Gott den Propheten mit seinem Leben in die Verantwortung. Sein Leben hängt nicht davon ab, ob der Verurteilte doch noch zu Gott umkehrt und sein vorheriges Tun bereut. Die Entscheidungsfreiheit des Menschen kann weder durch einen Propheten noch durch Gott selbst zunichtegemacht werden. Das Leben Ezechiels hängt davon ab, ob er seinem Auftrag nachkommt: vor dem Urteil Gottes zu warnen und auf seine Barmherzigkeit hinzuweisen.


Ezechiel wird nicht nur zum Späher und Warner eingesetzt, sondern er wird zum Seelsorger berufen. Selbst dem vom Gott Berufenen ist es nicht möglich Glauben und richtiges Handeln zu erzwingen. Aber er muss sein eigenes Leben einsetzen, um die Beziehung der Menschen zu Gott wiederherzustellen und den gerechten Gott zu verkünden, der von sich selbst sagt: „So wahr ich lebe […], ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass ein Schuldiger sich abkehrt von seinem Weg und am Leben bleibt!“ (Ezechiel 33,11).Glaube kann nicht erzwungen werden, aber für den Glaubenden ist die Verkündigung des liebenden und strafenden Gottes ein Auftrag, der über Leben und Tod entscheidet.

Die Lesung aus dem Alten Testament am 10. September 2017, dem 23. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A) finden Sie im Buch Ezechiel Kapitel 33, Verse 7-9 (Ezechiel 33,7-9):

7. Du aber, Mensch, zum Späher habe ich dich für das Haus Israel gemacht – wenn du aus meinem Mund ein Wort hörst, dann musst du sie vor mir warnen. 8. Wenn ich zu einem Bösewicht sage: „Sterben sollst du, sterben!“ und nicht hast du geredet, um den Bösewicht vor seinem Weg zu warnen, er, ein Bösewicht, wird aufgrund seiner Sünde sterben und sein Blut werde ich von deiner Hand fordern. 9. Du aber, wenn du einen Bösewicht warnst vor seinem Weg, dass er von ihm abkehren solle, aber er kehrt nicht ab von seinem Weg, dann soll er aufgrund seiner Sünde sterben, du aber hast (dann) dein Leben gerettet.

Autor des Blogs:

Till Magnus Steiner

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

Bildquellen

  • Titelbild “Späher”: Till Magnus Steiner
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3 Gedanken zu „Ezechiel, der Späher

  1. Genau da frage ich mich oft, HERR, müsste ich da warnen?
    Da stehe ich zwischen Mut und Feigheit. Überhebe ich mich über den anderen oder helfe ich mit meiner Warnung?
    Ich erbitte vom HERRN diese Gabe der Unterscheidung bzw. Entscheidung.

    1. Ich glaube die Frage ist falsch gestellt. Oder anders gesagt: Warnen meint hier die Verkündigung. Wovon mein Herz voll ist davon soll ich sprechen und wenn mein Herz sich auf Gott ausrichtet, dann erhebe ich mich auch nich über meinen Nächsten! Ich bitte den HERRN darum, dass er uns Christen den Mut gibt davon zu erzählen wovon unser Herz voll ist.

  2. Pingback: Kath 2:30

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