Vaterkomplex


– sich den Text vorlesen lassen


 
Wenn man sich in tiefer Vertrautheit Gott zuwendet und ihn aus dem Innersten heraus als „Vater“ anredet, versteckt sich hinter diesem Wort bei jedem Beter und jeder Beterin ein großes Geflecht von Gedanken und Erinnerungen. Beziehungen zu dem eigenen Vater können von kalter Distanz oder inniger Nähe geprägt sein. Väter können für den eigenen Erfolg oder für die eigenen Fehler verantwortlich gemacht werden. Im Buch des Propheten Jesaja sind diese Extreme im Bild Gottes als Vater vereint. Die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier und das Exil lassen die Beter ihre kindliche Angewiesenheit auf Gott erkennen – und zugleich mahnen sie ihn: als Vater trägt er auch Verantwortung. Egal wie zerrüttet die Beziehung zwischen einem Vater und seiner Tochter oder seinem Sohn sein mag, die Verbundenheit ist unauflöslich.

Die Anrede „Vater“, an Gott gerichtet, kann sowohl eine Zuwendung als auch eine Forderung sein. Im Bewusstsein gesündigt zu haben, wenden sich die Israeliten zu Gott und bitten um seine Barmherzigkeit. Zugleich wird er zur Umkehr aufgerufen. Er soll der liebende Vater sein, der sich fürsorglich kümmert; er, der diesem Ideal aus der Perspektive der Israeliten in der Vergangenheit nicht entsprochen hat. Ganz bewusst hinterfragen sie, selbst sich ihrer eigenen Schuld bewusst, sein Handeln: „Wozu lässt du, JHWH, uns abirren von deinen Wegen, du verhärtest unser Herz, dass wir dich nicht fürchten. Kehre um, um deiner Knechte willen, den Stämmen deines Erbbesitzes.“ (Jesaja 63,17) Wozu soll es gut sein, dass Gott sie nicht behütet hat? Gott, der sein Volk aus Ägypten geführt hat zur Freiheit in der Eigenstaatlichkeit, hat durch seine Vernachlässigung seinen eigenen Tempel zerstört und sein eigenes Heilswerk zunichtegemacht.

Die Schuld dafür liegt nicht bei Gott, sondern bei den Israeliten. Sie haben sich von ihrem Vater abgewendet, sind eigene Wege gegangen, die sie am Ende wieder als verlorener Sohn zum barmherzigen Vater zurückführen. Gott als Vater hört nicht auf Vater zu sein: „Und nun, JHWH, unser Vater bist du. Wir sind das Material und du bist der Hersteller. Die Tat deiner Hand sind wir alle. JHWH, zürne nicht zu sehr und erinnere unsere Schuld nicht für immer. Sieh, blick doch her, wir alle sind dein Volk.“ (Jesaja 64,7-8). Kann ein Vater unberührt zusehen, wenn sein Kind leidet? Ja, er kann es, aber darf er es? Wer sich zu Gott bekennt und ihn als Vater anredet, der hofft, dass er seine Barmherzigkeit walten lässt, trotz der eigenen Fehler: Vater, führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von allem Bösen.



Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am Ersten Adventssonntag (Lesejahr B):1

15 Blick vom Himmel und sieh herab von der Wohnung deiner Heiligkeit und deiner Herrlichkeit! Wohin ist dein Eifer und deine Heldenkraft? Die Aufregung deines Innersten und deine Barmherzigkeit – sie sind mir gegenüber zurückgehalten. 16 Fürwahr, du bist unser Vater, fürwahr, Abraham weiß nicht von uns und Israel kennt uns nicht. Du, JHWH, bist unser Vater. „Unser Erlöser“, das ist seit jeher dein Name. 17 Wozu lässt du, JHWH, uns abirren von deinen Wegen, du verhärtest unser Herz, dass wir dich nicht fürchten. Kehre um, um deiner Knechte willen, den Stämmen deines Erbbesitzes. 18 Zur Qual haben sie das Volk deiner Heiligkeit in Besitz genommen. Unsere Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. 19 Wir sind geworden die, über die du nie geherrscht hast und dein Name über ihnen nicht ausgerufen ist. Zerrissest Du doch den Himmel und stiegest herab, vor deinem Angesicht zerflössen die Berge 64,1 wie Feuer Reisig entzündet, [wie] Feuer Wasser aufkochen lässt, sodass dein Name erkannt wird von unseren Bedrückern; vor deinem Angesicht werden die Völker erbeben. 2 Als du erschreckende Taten vollbracht hast, auf die wir nicht hofften, bist du hinabgestiegen und vor deinem Angesicht sind Berge zerflossen. 3 Niemals hat man gehört, nicht hat man vernommen, ein Auge hat nicht gesehen einen Gott – außer dir -, der an dem handelt, der auf ihn wartet. 4 Du begegnetest dem Fröhlichen und gerecht Handelndem, auf deinen Wegen haben sie sich deiner erinnert. Siehe, du, du zürntest und wir sündigten, auf ihnen [den Wegen Gottes] werden wir gerettet werden. 5 Wir alle sind wie ein Unreiner geworden; wie ein Kleidungsstück in der Menstruation ist unsere Gerechtigkeit; wie Blätter sind wir alle verwelkt, wie der Wind tragen uns unsere Sünden fort. 6 Niemand ruft deinen Namen an, [niemand] rafft sich dazu auf, an dir festzuhalten, denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und hast uns zergehen lassen in der Hand unserer Schuld. 7 Und nun, JHWH, unser Vater bist du. Wir sind das Material und du bist der Hersteller. Die Tat deiner Hand sind wir alle. 8 JHWH, zürne nicht zu sehr und erinnere unsere Schuld nicht für immer. Sieh, blick doch her, wir alle sind dein Volk! 9 Die Stätten deiner Heiligkeit sind zur Wüste geworden, Zion ist zur Wüste geworden, Jerusalem ist zu einer Einöde. 10Das Haus unserer Heiligkeit und unserer Herrlichkeit, wo unsere Väter dich priesen, ist Beute des Feuers geworden. Alles, was uns begehrenswert war, ist zu Trümmern geworden. 11 Kannst Du dich diesbezüglich zurückhalten, JHWH, still sein und uns so sehr erniedrigen?

Jesaja 63,15-64,11

Autor des Blogs:

Till Magnus Steiner

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

Fußnoten

  1. Für die Lesungen sind nur die fettgedruckten Verse vorgesehen. Allerdings stellt Jesaja 63,7-64,11 eine zusammenhängende Klage dar, die zweigeteilt ist. Verse 7-14 erinnern die Heilsgeschichte und mit V 15 setzt die Bitte ein, die im Folgenden in meiner Übersetzung wiedergeben ist.

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