Sie ist strahlend und unvergänglich


– sich den Text vorlesen lassen


 
Weise sein – das ist für viele Menschen ein Lebensziel. Oft wird die Weisheit fernab in fernöstlichen Lehren gesucht und trotz aller Suche sind weise Menschen doch scheinbar eher die Ausnahme und weises Handeln und Verhalten scheinbar eher selten. Aber was wird gesucht, wenn man Weisheit sucht? Im Alten Testament geht es beim Thema „Weisheit“ nicht um Intelligenz oder Intellektualität. Durch Erfahrung gewonnene Erkenntnis, die auch kritisch reflektiert sein kann, ist die eigentliche Weisheit. Es geht um Erkenntnis, die ein gelingendes Leben ermöglicht. Sie ist handlungsorientiert und ist deshalb eine Lebenspraxis. Ihr liegt die Vorstellung zugrunde, dass wir in einer geordneten Welt leben, in der alles seinen Ort und seine Zeit hat.1 Diese Ordnung stammt von Gott, der die Welt in Weisheit geschaffen hat.2 Zu ihr kann der Mensch durch Erfahrung und Erkenntnis Zugang gelangen und sich so ordnungsgemäß in die Welt einfügen.

Im Buch der Weisheit steht die personifizierte Weisheit an der Seite des die welterschaffenden Wortes Gottes.3 Sie ist vergleichbar eines Weltgeistes, der alles durchwaltet und der als Gabe an die Menschen, Gott persönlich erfahrbar macht: „Von Geschlecht zu Geschlecht tritt sie [die Weisheit] in heilige Seelen ein und schafft Freunde Gottes und Propheten; denn Gott liebt nur den, der mit der Weisheit zusammenwohnt.“4 (Weisheit 7,27b-28) Die Voraussetzung für das Erlangen von Weisheit ist das Verlangen nach ihrer Belehrung. Im sechsten Kapitel des Buches der Weisheit wird sie wie eine Jungfrau von strahlender Schönheit beschrieben, die man nicht nicht-sehen kann. Sie lässt sich nicht nur leicht finden, sondern kommt dem Verlangen des Suchenden schon zuvor, bevor dieser überhaupt sucht. Sie wird als täglicher Begleiter des Menschen beschrieben, der diejenigen, die würdig sind, von der Klugheit zum sorgenfreien Leben führt.

Man kann sehnsüchtig nach der Weisheit suchen, aber man kann sie nicht einfach ergreifen. Sie ist ein Geschenk, das den Menschen befähigt die Welt und den Willen Gottes in ihr zu erfahren.5 „Sie ist der Widerschein des ewigen Lichts, der ungetrübte Spiegel von Gottes Kraft, das Bild seiner Güte.“6 (Weisheit 7,26). Sie befähigt dazu das Gesetz Gottes und seinen Willen zu befolgen.7 Weisheit ist keine Geheimlehre und man muss sie nicht erst entdecken, sondern sie ist die Freundschaft Gottes, zu der er dem Menschen seine Hand reicht.



Meine eigene Übersetzung der Lesung aus dem Alten Testament am 12. November 2017, dem 32. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A):8

12 Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit, leicht wird sie erblickt von denen, die sie lieben und gefunden von denen, die sie suchen. 13 Sie kommt dem Verlangen zuvor und gibt sich eher schon zu erkennen. 14 Wer früh am Morgen für sie aufsteht, wird keine Mühe haben, denn er findet sie vor seiner Tür sitzen. 15 Das Nachsinnen über sie ist Vollendung der Klugheit, wer ihretwegen wacht, wird schnell sorgenfrei sein. 16 Denn sie geht umher auf der Suche nach denen, die ihrer würdig sind. Freundlich erscheint sie ihnen auf den Pfaden und begegnet ihnen bei jedem Vorhaben.

Weisheit 6,12-16

Autor des Blogs:

Till Magnus Steiner

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

Fußnoten

  1. Vgl. Kohelet 3.
  2. Vgl. Psalm 104.
  3. Vgl. Weisheit 9,1-2.
  4. Text der Neuen Enheitsübersetzung.
  5. Vgl. Weisheit 7,14-30.
  6. Text der Neuen Enheitsübersetzung.
  7. Vgl. Weisheit 6,4.
  8. Und hier noch ein Link zum Text in der Neuen Einheitsübersetzung: Weisheit 6,12-16.

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