Psalm 22: Mein Gott, mein Gott, warum?

Der Psalm, der Jesus gemäß dem Markus-Evangelium in seiner Todesstunde auf den Lippen liegt, ist Psalm 22: „Und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloi, Eloi, lema sabachtani?, das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34) Er  ruft den ersten Vers eines Klageliedes, das in einem Danklied endet, das allen „Samen Jakobs/Israels“ zum Mitloben und zu einer Mahlfeier auffordert, weil JHWH den Armen „gehört“ hat. In Psalm 22 wird nicht nur das Volk Israel zu dieser Lobfeier eingeladen, sondern der Kreis der Eingeladenen weitet sich weit über das erwählte Volk hinaus: sowohl auf die gesamte gegenwärtige Welt, als auch auf alle Gestorbenen und noch Ungeborenen.

In den ersten Versen des Psalms wechseln sich Klage und Vertrauensaussagen einander ab (Verse 2-12). Die geäußerte Klage hat etwas Unabgeschlossenes, Wartendes, Offenes und damit auch Hoffendes. So kulminiert sie in einer Bitte, deren Dringlichkeit durch die Notschilderung hervorgehoben wird (Verse 13-22). Ab Vers 23 ändert sich die Kommunikation zwischen dem Beter und Gott radikal. Das am Anfang des Psalms geäußerte Vertrauen wird zum Lob. Die anfängliche, anklagende Frage: Warum? und das Gefühl der Gottverlassenheit sind ersetzt durch die intensivste Form des Vertrauens auf Gott.

Die Klage in Psalm 22 als auch der Klageschrei Jesu am Kreuz sind weder ein nackter Schrei der Verzweiflung noch ein bedeutungsschwaches Durchgangsphänomen zur Rettungsgewissheit. Ganz im Gegenteil! Die Klage ist der Versuch einer erneuten Vertrauenssicherung, indem die Frage nach Ziel und Sinn der Not gestellt und damit zugleich die Hoffnung auf mögliche Veränderung zum Ausdruck gebracht wird. Sodass aus der Gottverlassenheit des Einzelnen eine universale Lobfeier im Angesicht Gottes werden kann.



Klaus Seybold’s Übersetzung des Antwortpsalms am 5. Sonntag in der Osterzeit: Psalm 22.1

1 Für den Chroleiter: Nach ‚Die Hindin der Morgenröte“.

Ein Psalm von David.

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Fern von Hilfe für mich – die Worte meines Schreiens.
3 Mein Gott, ich rufe am Tag, aber du antwortest nicht,
und bei Nacht gebe ich keine Ruhe.

4 Du bist doch der Heilige,
der über den Hymnen Israels thront.
5 Auf dich haben unsere Väter vertraut,
haben vertraut, und du hast sie errettet.
6 Zu dir haben sie gerufen und wurden gerettet;
auf dich haben sie vertraut und wurden nicht zuschanden.

7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch mehr,
der Spott der Leute und verachtet vom Volk.
8 Alle, die mich sehen, verhöhnen mich,
öffnen die Lippe, schütteln den Kopf:
9 Wälze es auf JHWH! Er mag ihn retten,
mag ihn herausreißen. Er hat ja Gefallen an ihm!

10 Ja, du bists, der mich aus dem Mutterschoß zog,
der mich den Brüsten der Mutter anvertraut.
11 Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an.
Von Mutterschoß an bist du mein Gott.
12 Entferne dich nicht von mir!
Denn die Not ist nah,
denn es gibt keinen Helfer.

13 Umstellt haben mich viele Stiere,
die Starken Basans haben mich umringt.
14 Sie haben ihr Maul gegen mich aufgesperrt:
Ein reißender und brüllender Löwe.
15 Wie Wasser bin ich hingeschüttet,
und alle meine Gebeine haben sich gelöst.
Mein Herz ist geworden wie Wachs,
zerflossen in meinem Innern.
16 Trocken wie eine Scherbe ist meine Kraft,
und meine Zunge klebt an meinem Kiefer.
Und in den Todesstaub legst du mich.

17 Ja, Hunde umringen mich,
eine Gruppe von Übeltätern hat mich umzingelt.
Wie ein Löwe – meine Hände und Füße.
18 Ich kann alle meine Knochen zählen;
Sie sollen zuschauen, herabsehen auf mich.
19 Sie teilen meine Kleider unter sich,
und über mein Gewand werfen sie das Los.

20 Du aber, JHWH, sei nicht fern!
Meine ganze Stärke, eile mir doch zu Hilfe!
21 Rette mein Leben vor dem Schwert,
aus der Gewalt der Hunde mein Letztes!
22 Hilf mir vor dem Rachen der Löwen
und vor den Hörnern der Büffel!

Du hast mich erhört.
23 Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden,
inmitten der Gemeinde will ich dich preisen.
24 Die ihr JHWH fürchtet, preist ihn!
Alle Nachkommen Jakobs, ehrt ihn
und fürchtet euch vor ihm, alle Nachkommen Israels!
25 Denn er hat nicht geringgeschätzt
und nicht mißachtet das Elend des Elenden;
und hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm,
und hat ihn gehört, als er zu ihm schrie.
26 Von dir kommt mein Lobpreis in der großen Versammlung;
meine Gelübde löse ich ein vor seinen Verehrern.
27 Arme sollen essen und satt werden.
Preisen sollen JHWH alle, die ihn suchen.
Es lebe euer Herz für immer!

28 Es sollen daran denken und zu JHWH umkehren
alle Enden der Erde;
Und es sollen sich vor dir niederwerfen
alle Geschlechter der Völker:
29 Denn JHWHs ist das Reich,
und er ist Herrscher über die Völker.
30 Sie aßen und beteten an
alle Gelabten der Erde.
Vor ihm sollen sich beugen alle,
die in den Staub absteigen:
Und seine Seele hat er noch nicht lebendig gemacht.
31 Der Same, der ihm dient –
erzählt soll werden vom Herrn dem Geschlecht.
32 Sie sollen kommen und von seiner Heilstat künden
dem Volk, das noch geboren wird:
Denn er hat es getan.

Autor des Blogs:

Till Magnus Steiner

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

Fußnoten

  1. K. Seybold, Die Psalmen (Handbuch zum Alten Testament I/15), Tübingen 1996, S. 94-96.
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