Ins Herz geschrieben


– sich den Text vorlesen lassen


 
Das Neue Testament hat seinen Namen aus dem Alten Testament. Bei der lateinischen Übersetzung der Bibel wurde der Begriff „neuer Bund“, den Jesus beim letzten Abendmahl verwendet (Lukas 22,20), mit „novum testamentum“ wiedergegeben. Das Wort Jesu ist hier ein Rückbezug auf die Ankündigung eines neuen Bundes im alttestamentlichen Prophetenbuch Jeremia (Jeremia 31,31-34). Dieser neue Bund ist die Verheißung eines neuen Verhältnisses zwischen Gott und seinem Volk Israel.

Sowohl der am Berg Sinai, nach der Befreiung Israels aus Ägypten geschlossene Bund als auch der neue, verheißene Bund sind eine Gabe Gottes. Allerdings besteht ein entscheidender Unterschied im Verhältnis zwischen den Bundespartnern. Den Bund den Gott mit den Vätern Israels am Berg Sinai geschlossen hatte (vgl. Ex 24), hat das Volk gebrochen: „ […] meinen Bund [haben] sie selbst gebrochen, als ich Herr über sie war – Spruch JHWHs“ (Jer 31,32). Der alte Bund beinhaltete den auf Steintafeln und in einem Buch niedergeschrieben Willen Gottes (Ex 24,4.7; 31,19; 34,28-29). Die von Gott geoffenbarten Gesetze sollten dem Volk eingeprägt werden, indem sie alle sieben Jahre vor der versammelten Gemeinde verlesen werden, damit sie das Leben im verheißenen Land ermöglichen (Deuteronomium 31,10-12). Der neue Bund allerdings besteht nicht auf Gehorsamspflicht, sondern führt zu einem Gehorsamsbedürfnis. Denn Gott wird seinen Willen in das Denken der Menschen hineinschreiben. Gottes Wille wird im Herzen des Menschen verankert. Diese ideale Vollendung des Heils ist so radikal, dass keine Belehrung, keine Auslegung, ja keine Theologie mehr nötig sein wird, um Gott zu erkennen: „Nicht mehr wird jemand den Nächsten lehren – nicht jemand seinen Bruder – folgendermaßen: „Erkenne JHWH!“ Denn alle werden mich erkennen, die Kleinen wie die Großen – Spruch JHWHs. […]“ (Jeremia 31,34).

Gott steht am Anfang, in der Mitte und am Ende dieses neuen Bundes. Er ist sein Geschenk. Gott schafft die Möglichkeit, dass Israel diesen Bund nicht bricht und die Erkenntnis Gottes ist das Ziel. Dieser neue Bund ist die radikale Ausdrucksform der Liebe Gottes. Die Vergebung der Sünden ist das Fundament dieses neuen Verhältnisses zwischen Gott und seinem Volk. Der neue Bund, den Gott im Buch Jeremia verheißt, beinhaltet den Willen Gottes, der in die Herzen der Menschen geschrieben wird. Das bedeutet nicht, dass das menschliche Herz sich nicht weiterhin gegen diesen Willen richten werden kann. Aber der neue Bund ist unerschütterlich, denn, so begründet Gott ihn, „ich werde ihnen ihre Schuld vergeben und ihrer Sünden werde ich nicht gedenken“ (Jeremia 31,34).

Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 5. Sonntag der österlichen Bußzeit, Lesejahr B:

31 Siehe, Tage kommen – Spruch JHWHs -, da werde ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund schließen 32 – nicht wie der Bund, den ich geschlossen hatte mit ihren Vätern, an dem Tag als ich sie bei der Hand ergriff, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen, den, meinen Bund, sie selbst gebrochen haben, als ich Herr über ihnen war – Spruch JHWHs. 33 Für wahr, dies ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach diesen Tagen schließen werde – Spruch JHWHs: Ich habe meine Tora [= Gesetz/Unterweisung] in ihr Innerstes gelegt, auf ihre Herzen will ich sie schreiben. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mir zum Volk werden. 34 Nicht mehr wird jemand den Nächsten lehren – nicht jemand seinen Bruder – folgendermaßen: „Erkenne JHWH!“ Denn alle werden mich erkennen, die Kleinen wie die Großen – Spruch JHWHs. Denn ich werde ihnen ihre Schuld vergeben und ihrer Sünden werde ich nicht gedenken.

Autor des Blogs:

Till Magnus Steiner

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

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