Grundlegendes

Anmerkungen zum Bibellesen

Die im Buch Deuteronomium verkündete Thora ist gemäß den erzählten Worten Mose weder eine Überforderung, noch ist sie unverständlich. Gottes Gebot muss nicht erst durch himmlische Wahrheiten oder neue Offenbarungen erschlossen werden.1 Es bedarf keiner die Grenzen des Menschseins übersteigender Anstrengungen. „Denn dieses Gebot, das ich dir heute anbefehle, es ist nicht zu wunderbar für dich und es ist nicht fern. […] Ja, sehr nah zu dir ist das Wort: Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, um es zu tun.“ (Deuteronomium 30,11-14)2. Anders als die Weisheit, die zumindest gemäß dem Buch Ijob weit entfernt (Ijob 38,16-18), verhüllt und verborgen (Ijob 28,21-22) ist, ist das im Buch Deuteronomium gegebene, geoffenbarte Gesetz einfach zugänglich. Es wird im Israeliten selbst verortet, sowohl in seinem Denken als auch in seinem Reden. Diese Aussage ist keine Mahnung (vgl. Deuteronomium 6,6-7.), sondern eine Voraussetzung: „[…] wovon das Herz voll ist, spricht der Mund“ (Matthäus 12,34) – und daraus soll das gute Handeln gemäß dem Gesetz folgen. Gottes Wort ist somit nach Deuteronomium 30,14 im Herzen verankert.

Im Neuen Testament nimmt sich Maria Gottes Wort zu Herzen. Das Lukasevangelium berichtet, dass nach der Geburt Jesu den Hirten Engel erschienen sind und ihnen die frohe Botschaft der Geburt des Messias verkündet haben. Die Hirten eilten daraufhin zu Maria, Josef und dem Neugeborenen und berichteten ihnen alles: „Und alle, die es hörten, wunderten sich über das, was zu ihnen von den Hirten gesagt wurde. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lukas 2,18f.) Die vom Autor verwendeten Verben sind bemerkenswert: 1.) συντηρέω steht hier im Imperfekt und drückt damit eine zum erzählten Zeitpunkt nicht abgeschossene Handlung aus. Maria nahm die Worte auf und bewahrte sie für sich, d.h. sie wurden Teil ihres Glaubensschatzes.3 Aber sie nimmt die Worte nicht einfach hin, sondern sie interpretiert sie. 2.) Das Verb συμβάλλω beschreibt die beurteilende Interpretation einer Sachlage (vgl. Lk 14,31; Apostelgeschichte 4,15). Dieses Abwägen Mariens geschieht jedoch nicht nur auf rein intellektuelle Ebene, also nicht im Intellekt (νοῦς), sondern im Herzen (καρδία).

Sowohl in Deuteronomium 30,14 als auch in Lukas 2,19 ist mit dem Herzen die Personenmitte als Sitz des Verstandes, des Willens, der sittlichen Entscheidungen und der Gefühle benannt. Das Herz ist der Ort der Gottesbeziehung: Gott prüft die Herzen der Menschen; der Mensch ist gehalten seinen Gott mit ganzem Herzen zu lieben; Ziel alles menschlichen Handelns ist ein reines Herz, das sich für Gott entscheidet. „Im Herzen verortet sich das Bemühen Gottes Willen und den menschlichen Willen in Einklang zu bringen.“4 Während in der Körpermetaphorik des modernen Denkens Verstand und Emotionen getrennt sind, bilden sie im hebräischen Denken eine Einheit, die im Herz verortet wird. In der Hebräischen Bibel wird nicht mit dem Kopf gedacht, sondern mit dem Herzen – gleiche gilt für das Neue Testament.

Biblisch gesprochen werden mit dem Herzen Entscheidungen gefällt und für den Autor des Lukasevangeliums ist die kritische Betrachtung der Geschehnisse um Jesus eine Herzensangelegenheit. Er versteht sich selbst als distanzierten Historiker und zugleich als „naher“ Botschafter Jesu. Der erste Satz dieses Evangeliums kommt unscheinbar daher, aber macht eine Welt verändernde Aussage (Lukas 1,14). Das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu, was im folgenden Bericht wird, ist von Bedeutung für die aktuelle, spätere Generation. Es ist nicht nur einfach berichtete Vergangenheit, sondern Ausgangspunkt für die Geschichte bis zur Gegenwart. Mit der Betrachtung dieser Geschichte will der Autor dem Grund nachgehen, auf den sich die Verkündigung bezieht, bzw. er will die Quellen der Überlieferung erforschen und dadurch den Gläubigen Sicherheit gewähren.5 Dazu ist er den Ereignissen in der Art und Weise jüdisch-hellenistischer Geschichtsschreiber nachgegangen. Mit dem griechischen Wort παρακολουθέω verwendet er für sein Nachforschen ein Verb das terminus technicus antiker Historiographie ist und verweist damit auf seine gründlichen und kritischen Vorarbeiten. Hierbei betrachtet er die geschichtlichen Ereignisse, die aus seiner Perspektive nicht nur „geschehen“ sind, sondern gemäß Gottes Willen „erfüllt geschehen“ sind (πληροφορέω, Lukas 1,1). Er erforscht somit die Heilsgeschichte im Verhältnis von verheißender Schriften und geschehener Geschichte, um dadurch bei den Lesern und Leserinnen ein „genaues Erkennen“ aufgrund von zuverlässigen Informationen zu ermöglichen (ἐπιγινώσκω, Lukas 1,4). Der Verfasser des Lukasevangeliums ist ein Optimist: Er glaubt, „daß die ehrliche Erforschung der Quellen die evangelische Wahrheit nur bestätigen kann“6. Für ihn sind Erkenntnis und Glauben, d.h. die historische Rückfrage und die kerygmatische Überlieferung sich ergänzende Perspektiven.

Der Autor des Lukasevangeliums betont die Rolle des Menschen in der Betrachtung der Vergangenheit. Im Johannesevangelium wird für das Leben in der Gegenwart und für die Zukunft der „Geist der Wahrheit“ eingeführt, der den Gläubigen in seiner Erkenntnis und in seinem Handeln leiten wird (Johannes 16,13). Die verschiedenen Manuskripte bieten zwei Textversionen: Entweder wird der Geist der Wahrheit alle Gläubigen in die ganze Wahrheit einführen (είς τήν άλήθειαν πασαν) oder in der ganzen Wahrheit führen/leiten (έν τή άληθεία πάση) . Die erste Textversion verheißt ein tieferes Verständnis der Wahrheit, die Jesus ist und die zweite Textversion verheißt die Ermöglichung eines Lebens in Jesus und entsprechend seiner Vorgaben (vgl. zu beidem Johannes 14,6: Jesus als Wahrheit und als Weg). Mit diesen beiden Lesemöglichkeiten ist man mitten in der Frage, was Spiritualität ist: Sie ist sowohl die Erschließung der Wahrheit, die Jesus Christus ist, durch den Heiligen Geist, als auch allgemeiner ein am Handeln Jesus ausgerichtetes Daseinsverständnis. Der Ausgangspunkt für beide Dimension ist die Auslegung der Bibel, sowohl des Alten wie auch des Neuen Testaments – und die Auslegung der Texte geschieht sowohl entsprechend des lukanischen kritischen Blicks auf die Geschichte als auch aus der vom Geist der Wahrheit geleiteten Perspektive. Biblische Texte haben einen historischen Sinn und lassen sich zugleich vom Christusereignis her lesen. In beiden Fällen sprechen sie das Herz des Menschen an, als Ort der Vernunft, der Entscheidung und der Gottesbeziehung.


Fußnoten

  1. Dieser Text ist ein Auszug aus: T. M. Steiner, Mit dem Herzen lesen. Anmerkungen zur Exegese und Interpretation der Bibel, in: Pastoralblatt 1/2017, S. 21-26.
  2. Deuteronomium 30,1-10 thematisiert die notwendige Umkehr Israels, wenn sie den Bund mit Gott brechen. Für diese Umkehr verkündet Gott den Israeliten, die Internalisierung der Thora, indem Gott ihre Herzen beschnitten werden (Deuteronomium 30,6). Das beschnittene Herz wird es den Israeliten ermöglichen, Gott mit ganzem Herzen zu lieben, wie es Deuteronomium 6,5 fordert (vgl. Levitikus 26,41). Deuteronomium 30,11-14 verweist in diesem Kontext darauf, dass es vom Anfang an die Eigenschaft der Thora ist, dass sie vom Menschen befolgt werden kann (vgl. U. Rüterswörden, Das Buch Deuteronomium (NSK.AT 4). Stuttgart 2006, 284).
  3. Das Verb kommt im Neuen Testament noch in Matthäus 9,17 und Markus 6,20 vor und bezeichnet dort jeweils das Aufbewahren von etwas Wertvollen.
  4. C. Frevel, Art. Herz, in: ders. / A. Berlejung (Hg.), Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament. Darmstadt 22009, 251.
  5. Dass er nicht der Erste ist, der eine solche Schrift anfertigt, darauf verweist er direkt zu Anfang – so sind zum Beispiel das Markusevangelium, die Logienquelle Q und das lukanische Sondergut Quellen seiner Schrift. Aber er möchte es „besser“ (Lukas 1,3: „sorgfältiger“, ἀκριβῶς) machen.
  6. F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas. Lk 1,1-9,50 (EKK III/1). Neukirchen-Vlyun 2013, 41