Frauenbild


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Der Wert einer Frau bestimmt sich nicht anhand ihres Aussehens – der schönste Anblick vergeht in einem Augenblick. Ein Schatz – so lehrt das Buch der Sprichwörter in seinem letzten Kapitel – ist eine Ehefrau, die selbstständig, unternehmerisch erfolgreich, weise, gütig und gottesfürchtig ist. Eine gute Ehefrau ist kein Objekt, sondern eine eigenständig handelnde Person, auf die der Ehemann vertrauen kann. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Schriften des Alten Testaments in einer patriarchalen Gesellschaft entstanden sind, in der Frauen den Ehemännern untergeordnet waren. So wird auch im Buch der Sprichwörter eine Frau entsprechend ihrem Handeln gegenüber ihrem Ehemann beurteilt; doch eine gute Ehefrau tritt aus dem Schatten ihres Ehemanns hervor. Sie ist es, die ihre Familie versorgt und finanziell mit-absichert. Sie hat sich ihren Ruhm nicht nur in der Familie, sondern von der Gesellschaft verdient. Sie darf nicht von ihrem Ehemann ausgebeutet werden, sondern – und das ist der letzte Satz des Buchs der Sprichwörter – sie soll selbst den Ertrag ihrer Arbeit genießen dürfen. Sie soll wirtschaftlich gleichberechtig mit ihrem Mann sein.

Vertrauen auf Gott ist eine der wichtigen Lehren der alttestamentlichen Weisheit: „Menschenangst ergibt einen Fallstrick; derjenige, der auf JHWH vertraut ist sicher.“ (Sprichwörter 29,25). Gemäß dem Buch der Sprichwörter rettet weder das Vertrauen auf den eigenen Verstand, noch auf den eigenen Reichtum den Menschen, sondern nur auf Gott und auf die eigene Ehefrau darf man vertrauen: „Das Herz ihres Mannes vertraut auf sie, Beute wird ihm nicht fehlen.“ (Sprichwörter 31,11) – und dieses Vertrauen wird reichlich belohnt. Wer auf Gott und auf seine Ehefrau vertraut, erhält Lohn ohne dafür zu arbeiten. Dieser Lohn des Ehemanns ist in der wirtschaftlichen Freiheit der Frau grundgelegt. Ihre wirtschaftliche Tüchtigkeit wird ihr zum Lobpreis, nicht nur in der Familie, sondern durch die Gesellschaft. Ihre Leistung wird anerkannt.

Doch dem Lobpreis auf die tüchtige Ehefrau, die nur schwer zu finden ist und die mehr Wert ist als die teuersten Güter, fehlt aus der heutigen Perspektive ein grundlegender Bestandteil. Es fehlen die glühende Leidenschaft und die verzehrende Liebe zwischen den Ehepartnern, von der das Hohelied Zeugnis gibt. Das Buch der Sprichwörter fasst im Bild der tüchtigen Ehefrau am Ende des Buches die Tugenden der Weisheit zusammen und erhöht somit den sozialen Status der Frau in der Gesellschaft. Aber erst wohlwollende, gegenseitige Liebe ermöglicht eine wahre Gleichberechtigung der Ehepartner. Was ist eine tüchtige Ehefrau wert, wenn die gegenseitige Liebe fehlt?


Meine eigene Übersetzung der Lesung aus dem Alten Testament am 19. November 2017, dem 33. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A): Sprichwörter 31,10-13.19-20.30-31.1

10 Eine tüchtige Frau, wer findet sie? Ihr Wert übertrifft den von Perlen. 11 Das Herz ihres Mannes vertraut auf sie, Beute wird ihm nicht fehlen. 12 Sie tut ihm Gutes und nichts Böses alle Tage ihres Lebens. 13 Sie kümmert sich um Wolle und Flachs und sie arbeitet mit Gefallen mit ihren Händen. 14 Sie ist wie ein Kaufmannsschiff, aus großer Ferne holt sie ihr Brot. 15 Sie steht auf, wenn es noch Nacht ist und gibt ihrem Haus Nahrung und ihren Mägden, was ihnen zusteht. 16 Sie sinnt auf ein Feld und kauft es, vom Ertrag ihrer Hände pflanzt sie einen Weinberg. 17 Sie gürtet ihren Hüften mit Kraft und stärkt ihre Arme. 18 Sie genießt, dass ihr Wirtschaften gut ist und des Nachts erlischt ihre Lampe nicht. 19 Ihre Hand greift an den Spinnwirtel und ihre Finger fassen die Spindel. 20 Ihre offene Hand breitet sie aus zu den Bedürftigen und ihre Hände streckt sie aus zu den Armen. 21 Sie fürchtet sich nicht um ihre Haus im Schnee, denn ihr ganzes Haus ist in Karmesinrot gekleidet. 22 Decken hat sie sich gemacht und Leinen und Purpur trägt sie. 23 Ihr Mann ist in den Stadttoren geachtet, wenn er sitzt mit den Ältesten des Landes. 24 Sie webt Untergewänder und verkauft [sie], und Gürtel liefert sie dem Händler. 25 Kraft und Würde sind ihr Gewand und sie lacht des kommenden Tages. 26 Ihren Mund öffnet sie in Weisheit und die Lehre der Güte ist auf ihrer Zunge. 27 Sie späht die Vorgänge ihres Hauses und Brot der Faulheit isst sie nicht. 28 Ihre Söhne stehen auf und preisen sie selig, ihr Mann [steht auf] und lobpreist sie. 29 „Viele Töchter erwiesen sich tüchtig, aber du übertriffst sie alle.“ 30 Eine Lüge ist die Anmut und vergänglich die Schönheit; eine Frau der JHWH-Furcht, sie soll man lobpreisen. 31 Gebt ihr vom Ertrag ihrer Hände, denn im Stadttor lobpreisen sie ihre Taten.

Sprichwörter 31,10-31

Autor des Blogs:

Till Magnus Steiner

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

Fußnoten

  1. Die fett gedruckten Verse sind die aus dem Textzusammenhang vorgesehen Verse der liturgischen Lesung. Sprichwörter 31,10-31 ist jedoch als zusammenhängender Text zu lesen.

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