Ein Volk von Priestern


– sich den Text vorlesen lassen


 
Ein Gesalbter ist jemand, der auserkoren ist, als Heilsgestalt zu wirken. Die Salbung stellt im Alten Testament eine Amtseinführung dar: man wurde zum König oder Priester gesalbt. Man findet auch gesalbte Propheten – bei Ihnen tritt der Status des Amtes völlig hinter ihrem Auftrag zurück. Gott wirkt durch sie. Sie werden nicht zu Amtsträgern gesalbt, sondern zum Verkünden des Heils: „um den Armen frohe Botschaft zu bringen, […] um denen, die gebrochenen Herzens sind [die Wunde] zu verbinden, um den Gefangenen Freilassung zu verkünden, und den Gefesselten die Befreiung“ (Jesaja 61,1). Sie sind berufen, die Welt auf den Kopf zu stellen – aus der Perspektive von Jesaja 61: aus Trauer soll Jubel werden.

Diese Botschaft ergeht an die Generation der Israeliten, die aus dem Exil zurück nach Jerusalem gekehrt sind. Sie, die mitten in den Ruinen der vergangenen Zeiten, dem Symbol der gegenwärtigen Schmach stehen, werden von Gott in den Mittelpunkt der Welt gestellt. Aus Ruinen und Asche wird das Volk Israels auferstehen und dem Willen Gottes entsprechend der Welt als Priester Gottes dienen. Ihnen wird der Reichtum der ganzen Welt zuteil.

Aber was ist mit den restlichen Völkern? Sie werden den Priestern Bauern und Winzer sein. Sie werden den Priesterdienst ermöglichen. Aber wird damit nicht einfach die Ungerechtigkeit umgekehrt? Die, die gefangen waren, werden selbst Gefängniswärter? Nein, Gott ruft eine ewige Freude aus, deren Grundlage der Same der Gerechtigkeit ist, der aus den Völkern hervorsprießt und zu einem mächtigen Baum wird, der viele gute Früchte hervorbringt. Die Israeliten sollen zu einem „gewaltigen Baum der Gerechtigkeit“ (Jesaja 61,3) werden, in dessen Schatten alle von der Herrschaft Gottes bevorteilt werden – eine Herrschaft, in der das Recht aufgerichtet wird und Raub und Unrecht verpönt sind. Der sich für das Volk Israel daraus ergebende Priesterdienst ist der Lobpreis Gottes. Von der Trauer zum Jubel, vom Neuanfang zur Gerechtigkeit führt Gott sein Volk, das ihm den gebührenden Lobpreis singt: „Frohlockend frohlocke ich über JHWH!“ (Jesaja 61,11).


Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am Dritten Adventssonntag (Lesejahr B):1

1 Der Geist des Herrn, JHWH, ist auf mir, weil JHWH mich gesalbt hat, um den Armen frohe Botschaft zu bringen, hat er mich gesandt, um denen, die gebrochenen Herzens sind [die Wunde] zu verbinden, um den Gefangenen Freilassung zu verkünden, und den Gefesselten die Befreiung, 2 um ein Jahr des Wohlwollens Gottes zu verkünden, einen Tag der Vergeltung für unseren Gott, um alle Trauernden zu trösten, 3 um die Trauernden Zions zu versorgen, , um ihnen Schmuck zu geben anstatt Asche, Freudenöl statt Trauer, einen Mantel des Lobpreises anstatt einen schwachen Geist. Man wird sie gewaltiger Baum der Gerechtigkeit nennen, Pflanzung JHWHs zu Verherrlichung. 4 Sie werden die ewiglichen Ruinen aufbauen, die Ödnis der Vorfahren werden sie aufrichten und die verwüsteten Städte werden sie restaurieren, die Ödnis vergangener Generationen. 5 Fremde werden bereitstehen und eure Kleinviehherden weiden, die Söhne der Fremdlinge werden eure Bauern und eure Winzer werden. 6 Und ihr, ihr werdet Priester JHWHs genannt werden. „Diener unseres Gottes“ wird man zu euch sagen. Den Reichtum der Völker werdet ihr genießen und mit ihrer Herrlichkeit brüsten. 7 Anstatt eurer Schande wird das Doppelte sein und [anstatt] Beleidigung werden sie jubeln [in] ihrem Anteil, daher werden sie in ihrem Land das Doppelte besitzen; ewigliche Freude wird ihnen zuteil. 8 Denn ich bin JHWH, der Recht liebt und Raub und Unrecht hasst. Ich gebe ihnen Lohn in Treue und einen ewigen Bund habe ich mit ihnen geschlossen. 9 Unter den Nationen werden ihre Nachkommen bekannt sein, und ihre Sprösslinge inmitten der Völker. Jeder der sie sieht, wird sie erkennen, denn sie sind die Nachkommenschaft, die JHWH gesegnet hat. 10 Frohlockend frohlocke ich über JHWH, ich freue mich ganz über meinen Gott, denn er hat mir angezogen Gewänder des Heils, er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit, wie ein Bräutigam den Kopfschmuck bereitet und wie eine Braut sich schmückt in ihrem Geschmeide. 11 Denn wie die Erde ihre Gewächse hervorbringt und der Garten seine Saat wachsen lässt, so lässt der Herr, JHWH, Taten der Gerechtigkeit wachsen und Lobpreis vor allen Nationen.

Jesaja 61,1-2a.10-11

Autor des Blogs:

Till Magnus Steiner

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

Fußnoten

  1. Für die Lesungen sind in der Liturgie nur die fettgedruckten Verse vorgesehen.

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