Ein jähes Ende?


– sich den Text vorlesen lassen


 
Aus der Perspektive des Alten Testaments ist ein Leben, das nicht vom Vater zu dessen Sohn weitergegeben wird kein ganzes, kein geglücktes, kein heiles Leben. Ein solches Leben ist eine Geschichte, die jäh abbricht und ohne Widerhall im Schweigen verschwindet. Auch aus der Perspektive Abrams ist jeder Lohn Gottes wertlos, wenn aus Abram nicht Abraham, der Vater der Menge wird (siehe Genesis 17,4-5) – und er legt den Finger bewusst in die Wunde! Während Gott ihm seine Verheißungen ausspricht, klagt er ihn an: „Siehe: Du hast mir keine Nachkommenschaft gegeben. Daher siehe: [Dieser] Angehörige meines Hauses wird mich beerben“ (Genesis 15,3).

Gott, dessen Liebesbeziehung nach christlichem Glauben stärker ist als der Tod und dessen Geschichte mit den Menschen Generationen umgreift, denkt Heil in anderen Maßstäben. Die Klage Abrahams ist berechtigt, doch sein Glaube anscheinend noch klein. Am Anfang seiner Geschichte mit Gott verheißt ihm dieser: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen!“ (Genesis 12,2). Gott verheißt ihm nicht nur einen Sohn, sondern eine Nachkommenschaft, die so zahlreich sein wird, wie der Sand am Meer und die Sterne am Himmel. Aus der Perspektive Abrams wird sein Leben ohne Widerhall im Nichts enden. Aus der Perspektive Gottes ist er der Samen aus dem das Gottesvolk hervogehen wird. Gott steht zu seinem Wort durch die Zeiten hindurch. Nach dem Auszug aus Ägypten kann Mose dem Volk Israel verkünden: „Ja, ihr seid heute schon so zahlreich, wie die Sterne am Himmel“ (Deuteronomium 1,10).

Gottes Beziehung zu einem Menschen kennt kein jähes Ende. Er spricht Abraham immer wieder seine Verheißungen zu und lässt ihn nicht nur zum Urahnen des Volkes Israel werden, sondern zum „Vater aller, die als Unbeschnittene glauben“ (Römer 4,11). Denn Abraham vertraute trotz seiner Klage auf seinen Gott – und dieses Vertrauen lässt Gott nicht ungedankt. Die Heilsgeschichte Gottes richtet sich an der Familie aus. Abraham und Sarah werden zu Eltern und diese Familie ist der Ausgangspunkt der Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk und der gesamten Menschheit (vgl. Genesis 12,3).


Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am Fest der Heiligen Familie, Sonntag der Weihnachtsoktav, Lesejahr B:

15,1 Nach diesen Begebenheiten erging das Wort JHWHs an Abram in einer Vision: „Fürchte Dich nicht, Abram, ich selbst bin für Dich ein Schild, dein Lohn wird sehr viel sein.“ 2 Und Abram sprach: „Herr, JHWH, was willst du mir geben? Ich, ich gehe doch kinderlos dahin und Erbe meines Hauses ist der Sohn Meseks, das ist Damaskus, Elieser.“ 3 Und Abram sprach: „Siehe: Du hast mir keine Nachkommenschaft gegeben. Daher siehe: [Dieser] Angehörige meines Hauses wird mich beerben.“ 4 Siehe, das Wort JHWHs erging an ihn folgendermaßen: „Nicht wird dich dieser beerben, sondern der aus dir selbst hervorgehen wird, der wird dich beerben.“ 5 Er führte ihn nach draußen und sprach: “Schau doch gen Himmel und zähle die Sterne – wenn du sie zählen kannst“, und er sprach zu ihm, „so wird deine Nachkommenschaft sein“. 6 Da verließ er sich auf JHWH und er rechnete es ihm zur Gerechtigkeit. […] 21,1 Und JHWH nahm sich Sarahs an, wie er gesprochen hatte, und JHWH tat Sarah wie er geredet hatte. 2 Sarah wurde schwanger und gebar Abraham einen Sohn in seinem [hohen] Alter, zu der festgelegten Zeit, von der Gott geredet hatte. 3 Und Abraham nannten den Namen seines Sohnes, der ihm geboren wurde, den Sarah geboren hatte, Isaak.

Autor des Blogs:

Till Magnus Steiner

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

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