Die Reue Gottes


– sich den Text vorlesen lassen


 
Man kann sich in Menschen täuschen und sie können einen positiv überraschen. Solch eine Erfahrung schreibt das Prophetenbuch Jona auch Gott selbst zu. Gott empfindet Reue und Einsicht. Bereits am Anfang des Buches Genesis bereut Gott seine Taten: Er sieht die Schöpfung der Menschen und Tiere als Fehler an. Aber nach der Sintflut ändert er sich: Niemals wieder werde er die gesamte Schöpfung wegen der Taten der Menschen leiden lassen. Bereits vor der Sintflut ermöglicht Gottes Gnade durch Noah einen Neuanfang. Der Wille Gottes ist nicht in Stein gemeißelt, sondern er richtet sich an seiner Barmherzigkeit aus.

Der Stadt Ninive soll der Prophet Jona den Untergang prophezeien. Doch schon in den Unheilsworten zeigt sich ein doppelter Boden: „Noch 40 Tage und Ninive wird umgewühlt sein.“ (Jona 3,4) Das Verb kann man als Zerstörungsdrohung lesen. Es lässt sich aber auch übersetzen: „Noch 40 Tage und Ninive wird sich wandeln.“ Etwas wird sich ändern – und die im Folgenden erzählte Veränderung ist grundlegend. Ninive verändert sich. Die Leute, selbst der König, wenden sich dem Gott zu, der ihnen Unheil androht.

Daraufhin bezeichnet Gott seinen Willen selbst als etwas Böses, das ihn reut. Er macht nicht die Stadt, sondern seine Entscheidung zunichte. Jona wird dies nicht verstehen. Aber so wie der Mensch sich wandeln und Gott auch im positiven Sinn überraschen kann, so ist auch Gott menschlicher, als manch ein verkrustetes Gottesbild nahelegt.

Kann ich mich auf einen solchen Gott verlassen? Wenn er selbst sein Wort nicht hält, ist mir dieser Gott dann nicht doch allzu menschlich? Im Endeffekt geht es um das Verhältnis von Barmherzigkeit und Willen – und so gesehen stellt sich mir die Frage: Ist mein eigener Willen von Barmherzigkeit geleitet?


Meine Arbeitsübersetzung der alttestamentlichen Lesung am 3. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:

1 Das Wort JHWHs erging ein zweites Mal an Jona, folgendermaßen: 2 „Steh auf und gehe nach Ninive, der großen Stadt, und rufe ihr den Ruf zu, den ich selbst zu dir spreche.“ 3 Da stand Jona auf und ging nach Ninive, wie JHWH gesprochen hatte. Ninive war eine große Stadt vor Gott, drei Tagesreisen. 4 Jona begann in die Stadt hineinzugehen, eine Tagesreise, und er rief und sagte: „Noch 40 Tage und Ninive wird umgewühlt sein.“ 5 Da glaubte die Leute Ninives an Gott, man rief ein Fasten aus und trug Trauerkleidung, sowohl die Großen als auch die Kleinen. 6 Die Kunde erreichte den König Ninives, er stand auf von seinem Thron, legte seine Prachtrobe ab, hüllte sich in einen Sack und setze sich auf Asche. 7 Er ließ ausrufen und sagte in Ninive: „Entsprechend dem Entschluss des Königs und seiner Großen: Alle Menschen und Tiere, Rinder und Kleinvieh sollen nichts genießen, nicht weiden und Wasser sollen sie nicht trinken. 8 Sie sollen Trauerkleidung tragen, die Menschen und die Tiere und mit Kraft zu Gott rufen. So sollen sie umkehren, jeder von seinem Weg des Bösen und der Gewalt, die in ihren Händen ist. 9 Wer weiß, (vielleicht) kehrt der Gott um und es wird ihn reuen, sodass er abkehrt von seiner Zornesglut und wir nicht verloren sein werden“. 10 Da sah der Gott ihre Taten, dass sie umkehrten von ihren Wegen des Bösen und es reute den Gott das Böse, das er ihnen anzutun entschieden hatte und er tat es nicht.

Jona 3,1-10 (Lesungstext: Jona 3,1-5.10)

Autor des Blogs:

Till Magnus Steiner

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

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6 Gedanken zu „Die Reue Gottes

  1. Es geht sich hier um “menschliche” Begrifflichkeiten und niemand weiß, wie Gott “Barmherzigkeit” tatsächlich definiert.
    Wer von uns Menschen kann den sagen, sich im Sinne der Bewohner Ninive gewandelt zu haben ? Wenn wir unser eigenes Urteil fällen, wofür dann noch Gott und seine Barmherzigkeit ?
    Und Jona hatte auch ein Urteil getroffen und er wurde zornig, typisch weltlicher Mensch und welche typischen weltliche Menschen sind wir ? Was meinen wir denn verstanden zu haben ? Die Hl. Schrift ? So wie die Pharisäer ?

    1. “Niemand weiß, wie Gott ‘Barmherzigkeit’ tatsächlich definiert.” – wir wissen nur, wie in der Bibel, dem Gotteswort im Menschenwort, Barmherzigkeit definiert wird. Diese Aussagen glauben wir als von Gott inspiriert, versuchen sie zu verstehen und daraus abgeleitet und mit der Vernunft beurteilt nach dem Willen Gottes zu leben. Zum Verhältnis von Strafe und Barmherzigkeit ist die in der sogenannten Gnadenformel formulierte Theologie (siehe Exodus 34,6-7) ein wichtiger Ausgangspunkt.

    2. Es geht doch gar nicht andres. Wir können doch nur mit MENSCHLICHEN Begriffen über Gott reden! Ebenso wie Gott eben mit MENSCHLICHEN Begriffen zu uns spricht. Richtig, wir dürfen kein endgültiges Urteil über andere Menschen fällen, das letzte Urteil hängt von Gottes Barmherzigkeit UND Gerechtigkeit ab, so wie es in der Lesund steht! Um das zu lernen muss man den Willen haben, die Heilige Schrift verstehen zu wollen. Man wird sie nicht verstehen, aber man muss es versuchen! Man muss sich fragen: Was sagt mir Gott mit diesen MENSCHLICHEN Worten im dritten Kapitel von Jona?

      1. Da bin ich vollkommen bei ihnen. Mit menschlichem Verstand kann man die Hl. Schrift nicht verstehen, das ist unmöglich, denn sonst wären wir schon alle gerettet und so sieht es zur Zeit nicht aus und hat es auch noch nie ausgesehen, seitdem die Schlange in uns die Macht übernommen hat.
        Aber der Wille muss da sein, das lobt Gott. Die meisten Menschen wollen nur sich selber gefallen, auch im Glauben und so leben sie für den falschen Willen. “Gläubig” ist oft nur ein Synonym um seine eigene Seele aufzupolieren. So auch der heutige Begriff für Nächstenliebe oder Liebe allgemein, das hat doch rein gar nichts mehr mit Gott unserem Schöpfer zu tun. Da geht es sich nur noch darum, sich sein eigenes Gewissen rein zu waschen und sich anschließend auch noch eigenhändig zu beweihräuchern. Wir sind mittlerweile soweit von Gott entfernt, dass es niemand mehr wahrhaben will. Und wenn der Papst mich schon auffordert für Ihn zu beten, wie weit ist er dann wohl von Gott entfernt und wie viel sind dann seine Worte wert ?

        Was könnte Gott uns wohl mit der Hl. Schrift sagen wollen ? Wie dumm wir doch mit dem Verstand sind ? Dass wir es seit dem Sündenfall nicht mehr geschafft haben Ihn wahrzunehmen ?
        Das wir lieber der Schlange in unserem Kopf vertrauen, als unserem Schöpfer ?
        Wenn ich jetzt mit dieser These recht haben sollte, was wäre dann der naheliegenste Schritt den man machen müsste ?
        Alles bisherige Wissen ablegen und noch mal von vorne beginnen ?
        Wir dürfen alles, “1Mo 3,3 nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.”
        Welches sind die Früchte des Baumes in der Mitte des Gartens, dem Baum des Lebens ?
        Und die Schlange meinte es besser zu wissen, aber wer ist die Schlange ? Wer oder was in uns meint immer alles besser zu wissen, auch wenn ich klein beigebe oder mich ohnmächtig fühle ?

        Dann geht es weiter mit Kain und Abel und alles ist bekannt und doch wollen wir die Bibel nicht wirklich verstehen, aber warum ? Weil uns die Schlange etwas anderes einredet, wie damals beim Sündenfall ? Muss also die Schlange weg ? Aber dann müsste sie sich selber vernichten und wer würde das schon freiwillig machen und deshalb wollen wir die Wahrheit niemals wahr haben, obwohl wir sie im Herzen schon lange kennen, weil von Gott uns mit auf den Weg gegeben.

        1. Mit dem menschlichen Verstand allein (!) kann man die Schriften der Bibel nicht verstehen. Aber: Zum Beispiel die im Buch Deuteronomium verkündete Thora ist gemäß den erzählten Worten Mose weder eine Überforderung, noch ist sie unverständlich. Gottes Gebot muss nicht erst durch himmlische Wahrheiten oder neue Offenbarungen erschlossen werden. Es bedarf keiner die Grenzen des Menschseins übersteigender Anstrengungen. „Denn dieses Gebot, das ich dir heute anbefehle, es ist nicht zu wunderbar für dich und es ist nicht fern. […] Ja, sehr nah zu dir ist das Wort: Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, um es zu tun.“ (Dtn 30,11-14). Anders als die Weisheit, die zumindest gemäß dem Buch Ijob weit entfernt (Ij 38,16-18), verhüllt und verborgen (Ij 28,21f.) ist, ist das im Buch Deuteronomium gegebene, geoffenbarte Gesetz einfach zugänglich. Es wird im Israeliten selbst verortet, sowohl in seinem Denken als auch in seinem Reden. Diese Aussage ist keine Mahnung (vgl. Dtn 6,6f.), sondern eine Voraussetzung: „[…] wovon das Herz voll ist, spricht der Mund“ (Mt 12,34) – und daraus soll das gute Handeln gemäß dem Gesetz folgen. Gottes Wort ist somit nach Dtn 30,14 im Herzen verankert.

          Im Neuen Testament nimmt sich Maria Gottes Wort zu Herzen. Das Lukasevangelium berichtet, dass nach der Geburt Jesu den Hirten Engel erschienen sind und ihnen die frohe Botschaft der Geburt des Messias verkündet haben. Die Hirten eilten daraufhin zu Maria, Josef und dem Neugeborenen und berichteten ihnen alles: „Und alle, die es hörten, wunderten sich über das, was zu ihnen von den Hirten gesagt wurde. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lk 2,18f.) Die vom Autor verwendeten Verben sind bemerkenswert: 1.) συντηρέω steht hier im Imperfekt und drückt damit eine zum erzählten Zeitpunkt nicht abgeschossene Handlung aus. Maria nahm die Worte auf und bewahrte sie für sich, d.h. sie wurden Teil ihres Glaubensschatzes. Aber sie nimmt die Worte nicht einfach hin, sondern sie interpretiert sie. 2.) Das Verb συμβάλλω beschreibt die beurteilende Interpretation einer Sachlage (vgl. Lk 14,31; Apg 4,15). Dieses Abwägen Mariens geschieht jedoch nicht nur auf rein intellektuelle Ebene, also nicht im Intellekt (νοῦς), sondern im Herzen (καρδία).

          Sowohl in Dtn 30,14 als auch in Lk 2,19 ist mit dem Herzen die Personenmitte als Sitz des Verstandes, des Willens, der sittlichen Entscheidungen und der Gefühle benannt. Das Herz ist der Ort der Gottesbeziehung: Gott prüft die Herzen der Menschen; der Mensch ist gehalten seinen Gott mit ganzem Herzen zu lieben; Ziel alles menschlichen Handelns ist ein reines Herz, das sich für Gott entscheidet. „Im Herzen verortet sich das Bemühen Gottes Willen und den menschlichen Willen in Einklang zu bringen.“ Während in der Körpermetaphorik des modernen Denkens Verstand und Emotionen getrennt sind, bilden sie im hebräischen Denken eine Einheit, die im Herz verortet wird. In der Hebräischen Bibel wird nicht mit dem Kopf gedacht, sondern mit dem Herzen – gleiche gilt für das Neue Testament.

          Biblisch gesprochen werden mit dem Herzen Entscheidungen gefällt und für den Autor des Lukasevangeliums ist die kritische Betrachtung der Geschehnisse um Jesus eine Herzensangelegenheit. Er versteht sich selbst als distanzierten Historiker und zugleich als „naher“ Botschafter Jesu. Der erste Satz dieses Evangeliums kommt unscheinbar daher, aber macht eine Welt verändernde Aussage (Lk 1,14). Das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu, was im folgenden Bericht wird, ist von Bedeutung für die aktuelle, spätere Generation. Es ist nicht nur einfach berichtete Vergangenheit, sondern Ausgangspunkt für die Geschichte bis zur Gegenwart. Mit der Betrachtung dieser Geschichte will der Autor dem Grund nachgehen, auf den sich die Verkündigung bezieht, bzw. er will die Quellen der Überlieferung erforschen und dadurch den Gläubigen Sicherheit gewähren. Dazu ist er den Ereignissen in der Art und Weise jüdisch-hellenistischer Geschichtsschreiber nachgegangen. Mit dem griechischen Wort παρακολουθέω verwendet er für sein Nachforschen ein Verb das terminus technicus antiker Historiographie ist und verweist damit auf seine gründlichen und kritischen Vorarbeiten. Hierbei betrachtet er die geschichtlichen Ereignisse, die aus seiner Perspektive nicht nur „geschehen“ sind, sondern gemäß Gottes Willen „erfüllt geschehen“ sind (πληροφορέω, Lk 1,1). Er erforscht somit die Heilsgeschichte im Verhältnis von verheißender Schriften und geschehener Geschichte, um dadurch bei den Lesern und Leserinnen ein „genaues Erkennen“ aufgrund von zuverlässigen Informationen zu ermöglichen (ἐπιγινώσκω, Lk 1,4). Der Verfasser des Lukasevangeliums ist ein Optimist: Er glaubt, „daß die ehrliche Erforschung der Quellen die evangelische Wahrheit nur bestätigen kann“ . Für ihn sind Erkenntnis und Glauben, d.h. die historische Rückfrage und die kerygmatische Überlieferung sich ergänzende Perspektiven.

          Der Autor des Lukasevangeliums betont die Rolle des Menschen in der Betrachtung der Vergangenheit. Im Johannesevangelium wird für das Leben in der Gegenwart und für die Zukunft der „Geist der Wahrheit“ eingeführt, der den Gläubigen in seiner Erkenntnis und in seinem Handeln leiten wird (Joh 16,13). Die verschiedenen Manuskripte bieten zwei Textversionen: Entweder wird der Geist der Wahrheit alle Gläubigen in die ganze Wahrheit einführen (είς τήν άλήθειαν πασαν) oder in der ganzen Wahrheit führen/leiten (έν τή άληθεία πάση) . Die erste Textversion verheißt ein tieferes Verständnis der Wahrheit, die Jesus ist und die zweite Textversion verheißt die Ermöglichung eines Lebens in Jesus und entsprechend seiner Vorgaben (vgl. zu beidem Joh 14,6: Jesus als Wahrheit und als Weg). Mit diesen beiden Lesemöglichkeiten ist man mitten in der Frage, was Spiritualität ist: Sie ist sowohl die Erschließung der Wahrheit, die Jesus Christus ist, durch den Heiligen Geist, als auch allgemeiner ein am Handeln Jesus ausgerichtetes Daseinsverständnis. Der Ausgangspunkt für beide Dimension ist die Auslegung der Bibel, sowohl des Alten wie auch des Neuen Testaments – und die Auslegung der Texte geschieht sowohl entsprechend des lukanischen kritischen Blicks auf die Geschichte als auch aus der vom Geist der Wahrheit geleiteten Perspektive. Biblische Texte haben einen historischen Sinn und lassen sich zugleich vom Christusereignis her lesen. In beiden Fällen sprechen sie das Herz des Menschen an, als Ort der Vernunft, der Entscheidung und der Gottesbeziehung.

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