Der Hirte und seine Herde


– sich den Text vorlesen lassen


 
In der Zeit des Alten Testaments war die Tätigkeit des Hirten, neben dem Ackerbau, die grundlegende Form der Nahrungserzeugung. Die Kleinviehzucht brachte nicht nur Milch und Fleisch, sondern zudem auch Wolle und Leder ein. Eine Herde war ein Statussymbol, die Zahl der Tiere bestimmte die Größe des Reichtums. Die Besitzer von großen Herden hüteten nicht selbst, sondern sie stellten Hirten ein. Für die ihm anvertrauten Schafe und Ziegen hatte der angestellte Hirte zu haften. Das heißt, wenn ihm Tiere verlorengingen, musste er sie dem Besitzer ersetzen. So betrachtet ist die Hirten-Metapher ein zweideutiges Bild. Der Prophet Ezechiel klagt in seiner Zeit die Anführer Israels als Hirten an, die sich selbst nur an der Herde bereicherten, anstatt sie zu behüten.1

Wenn Gott sich selbst als Hirte bezeichnet, betont er die Legitimität seiner Herrschaft, seinen Führungsanspruch – er hat sich vor niemandem zu verantworten, da er der Besitzer und Hirte seiner Herde ist. Ein schlechter Hirte verliert Herdentiere. Ein guter Hirte treibt selbst auseinandergelaufene Herden wieder zusammen. Er führt seine Tiere von Weideplatz zu Weideplatz, zur Wasserstelle und zum nächtlichen Ruheort. Aber dieses Gottesbild hat zumindest für diejenigen, die sich als Herde verstehen, auch einen negativen Aspekt. Die Beter in Psalm 44 klagen Gott an: „Du hast uns gemacht zu Kleinvieh zum Essen.“ (Psalm 44,12). Der Hirte führt seine Herde nicht nur von grüner Aue zur grünen Aue, sondern auch zur Schlachtbank. Ein Hirte garantiert sowohl Schutz als auch den Tod.

Ein guter Hirte ist derjenige, dessen Herzensanliegen das Wohl seiner Herde ist. Sie ist sein ganzer Stolz und Reichtum. Aber anders als ein menschlicher Hirte wünscht sich Gott keine willenlose Herde. Ebenso wie ein menschlicher Hirte erzieht sich Gott eine Herde als ein Sozialgefüge, das sich als Gemeinschaft versteht und in dieser Gemeinschaft schafft Gott Recht. Anders als Schafe und Ziegen hat der Mensch sich vor seinem Hirten, vor Gott zu verantworten – und es mag überraschen, aber, so lehrt es das Buch der Psalmen, auch Gott muss sich vor seiner Herde verantworten.



Meine eigene Übersetzung der Lesung aus dem Alten Testament am 28. November 2017, Christkönigssonntag (Lesejahr A):2

11 Denn so spricht der Herr JHWH: Siehe ich [bin es], ich suche mein Kleinvieh und kümmere mich um es. 12 Wie ein Hirte sich um seine Herde kümmert an dem Tag, wenn er inmitten seines versprengten Kleinviehs ist, so will ich mich um mein Kleinvieh kümmern und sie erretten von allen Orten, dorthin sie zerstreut wurden am Tag von Wolke und Düsternis. 13 Ich führe sie hinaus aus den Völkern, ich sammle sie aus den Ländern und bringe sie zu ihrem Erdboden: ich weide sie auf den Bergen Israels, an den Tälern und allen Wohnstätten des Landes. 14 Auf gutem Weidegrund werde ich sie weiden, auf den Berghöhen Israels sei ihr Weidegebiet, dort sollen sie lagern im guten Weidegebiet, fetten Weidegrund sollen sie weiden auf den Bergen Israels. 15 Ich, ich werde mein Kleinvieh weiden und ich, ich werde sie sich lagern lassen – Spruch des Herrn JHWH. 16 Das Verlorene werde ich suchen, das Vertriebe werde ich zurückholen, das Gebrochene werde ich verbinden, das Kranke werde ich kräftigen. Das Fette und das Starke werde ich vernichten. Ich werde es weiden durch Rechtsentscheid. 17 Und ihr, mein Kleinvieh, so spricht der Herr JHWH: Siehe ich bin Richter zwischen einzelnem Kleinvieh und einzelnem Kleinvieh. An die Schaf- und Ziegenböcke: 18 Ist es euch zu wenig, dass ihr auf dem guten Weidegrund weidet und euren restlichen Weidegrund zertrampelt mit euren Füßen? Dass ihr klares Wasser trinkt und das Restliche mit euren Füßen verschmutzt? 19 Mein Kleinvieh muss abweiden, was eure Füße zertrampelt haben, und trinken, was eure Füße verschmutzt haben.

Ezechiel 34,11-19


Autor des Blogs:

Till Magnus Steiner

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

Fußnoten

  1. Vgl. Ezechiel 34,1-10.
  2. Die fett gedruckten Verse sind die vorgesehen Verse der liturgischen Lesung. Ezechiel 34,11-16 ist jedoch eine Heilszusage, an die sich das Urteil in den Versen 17-19 anschließt. Da in der Lesung Verse aus beiden Textabschnitten vorgesehen sind, gebe ich im Folgenden Ezechiel 34,11-19 in meiner eigenen Übersetzung wieder.

Bildquellen

Empfehlen Sie diesen Beitrag weiter:

Ein Gedanke zu „Der Hirte und seine Herde

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.