Aussätzig und ausgegrenzt


– sich den Text vorlesen lassen


 
Das Begriffspaar „rein und unrein“ im Buch Levitikus hat nicht nur mit Sauberkeit und Moral zu tun. Es sind Kategorien, die über die Fähigkeit entscheiden, ob ein Israelit oder eine Israelitin am Kult teilnehmen darf als Teil der heiligen Gemeinschaft, die Israel ist. Im Buch Levitikus wird Israel aufgefordert heilig zu sein, weil der Gott des Volkes heilig ist (siehe Levitikus 19,2). Die Gläubigen sollen sich Gott angleichen, durch Gottes Gesetz zu sittlichen Personen werden und im Gottesdienst die Beziehung zu Gott pflegen.

Levitikus 13 wirkt auf diesem Hintergrund jedoch eher wie eine Anleitung zu einer medizinischen Diagnose als ein theologischer Text. Es wird beschrieben, woran man eine Hautkrankheit erkennt: Welche Symptome weisen auf eine Erkrankung hin? Eine solche Diagnose entschied über das Leben des Menschen. Wenn eine Hautkrankheit festgestellt wurde, wurde der Erkrankte aus der Gemeinschaft ausgegrenzt. Aussätzige behandelte man wie Leichen (siehe Num 12,10-12 und Ijob 18,13). Vermutlich deutete man die Erkrankung der Haut als Beginn der Verwesung; der Körper wurde der Todessphäre zugeordnet.

Eine solche Diagnose, unabhängig von der Erkrankung, konnte ein Todesurteil sein. Die erkrankte Person musste sich außerhalb des Wohngebietes niederlassen und von der Ferne lautstark vor sich selbst warnen. Nur Geheilte wurden wieder in die Gemeinschaft eingegliedert. Die besondere Zuwendung der ersten Christen zu den Kranken ist hier noch nicht angedeutet. Aber rechtlich vollzieht sich schon im Buch Levitikus ein grundlegend wichtiger Schritt zum Schutz der Menschen und der Gemeinschaft. Das Gesetz spricht nur den Priestern das Recht zu, jemanden als „unrein“ zu bezeichnen und dadurch auszugrenzen. Es wird eine unabhängige Instanz eingesetzt, die über die Erkrankung beziehungsweise das Leben des Erkrankten entscheidet.

Die alttestamentliche Lesung am 6. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B ist Levitikus 13,1-2.43ac.44ab.45-46. Da die Leseordnung einen zerstückelten Text vorsieht, folgt hier die Wiedergabe der Einleitung des Kapitels (V 1-3) und der Anweisungen, was Aussätzige zu tun haben (V 45-46):

1 Und JHWH sprach zu Mose und zu Aaron folgendermaßen: 2 Ein Mensch, wenn er in der Haut seines Fleisches eine Erhebung oder Schuppen oder einen weißen Hautfleck hat und in der Haut seines Fleisches wird es zu einem Aussatzbefall, dann soll er zu Aaron, dem Priester, oder zu einem seiner Söhne, den Priestern, gebracht werden. 3 Und der Priester sehe sich den Aussatz in der Haut des Fleisches an, und wenn ein Haar im Aussatz weiß geworden ist und der Aussatz tiefer als die Haut seines Fleisches ist, dann ist dies Aussatzbefall. Und sieht der Priester es, dann erkläre er ihn für unrein. […] 45 Und der Aussätzige, an dem der Aussatz ist, seine Kleider seien zerissen, sein Kopfhaar sei vernachlässigt, seinen Schnurrbart verhülle er und rufe „unrein, unrein“. 46 Alle Tage, an denen der Aussatz an ihm ist, wird er unrein sein. Er ist unrein. Allein lasse er sich nieder, außerhalb des Lagers sei sein Wohnsitz.


Autor des Blogs:

Till Magnus Steiner

Promovierter katholischer Theologe, Exeget und Blogger, der in Jerusalem lebt und arbeitet.

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